Donnerstag, 9. Mai 2013

re:publica 13 #rp13 - Notizen zu Tag 3 (re:learn)

Am gestrigen dritten und letzten Tag fühlte ich mich auf der re:publica endlich "heimisch", da es im Rahmen der re:learn innerhalb der re:publica um Bildungsthemen ging, natürlich auch unter dem Internet-Gesichtspunkt. So kam es, dass ich gestern auch besonders viele Sessions besucht habe und fast den ganzen Tag auf der Konferenz war. Abgerundet wurde der Tag wieder durch interessante persönliche Treffen mit Menschen, die ich zuvor nur virtuell kannte.

Keynote Andreas Schleicher: 21st Century Skills
Diese Keynote habe ich nicht live gesehen, sondern heute Morgen als Konserve bei YouTube. Da aber in den Sessions im Verlauf des Tages immer wieder darauf Bezug genommen wurde, möchte ich auch hier darauf eingehen. Anschauen könnt ihr euch das Ganze natürlich auch selbst:

Andreas Schleicher ist Internationaler Koordinator des Programm for International Student Assessment (PISA-Studien). Nach dem Schüler-PISA wurde jetzt auch ein Erwachsenen-PISA durchgeführt - Ergebnisse gibt es im Herbst, aber im Vortrag wurden schon einige Folien dazu gezeigt. Gleich zu Beginn gibt Schleicher die interessante Info, dass ein guter Bildungsstand heute mehr denn je gute Voraussetzungen schafft, um am Leben und der Gesellschaft erfolgreich teilzunehmen. Eine Folie dazu sagt prägnant: "Better skills. Better jobs. Better lives". Und dieses "besser" meint nicht nur mehr Geld, sondern auch die Bereitschaft, sich in der Gesellschaft zu engagieren und Vertrauen zu haben (Trust) zur Wirtschaft, zu den Mitmenschen usw. Es geht aber immer weniger nur um den formalen Bildungsabschluss, als auch um die tatsächlichen Kompetenzen, welche erworben wurden - die aber oft nicht ausreichend dokumentiert werden. Auch spannend: Tätigkeiten mit Abfrage-Wissen (also einfache kognitive Tätigkeiten verlieren immer mehr an Bedeutung (werden automatisiert) - mehr als manuelle Fähigkeiten/Tätigkeiten) und es kommt immer mehr darauf an, Wissen auf neue Bereiche anzuwenden und zu übertragen.

Wichtige Skills im 21. Jahrhundert:
1. Ways of thinking: Creativity, critical thinking, problem-solving, decision-making (in unsicherem Umfeld) and learning
2. Ways of working: Communication, collaboration, Konflikte lösen, mit Menschen arbeiten, die anders sind als man selbst
3. Tools for working: information literacy, technology

Lernen muss davon weg gehen, ein Ort zu sein (wir schicken Menschen zur Schule, Uni etc.), sondern eine Aktivität sein, die überall und jederzeit stattfinden kann und muss, und dies individualisiert - nicht jeder lernt gleich, und auch ein Mensch lernt vielleicht in verschiedenen Situationen und Lebensabschnitten auf unterschiedliche Weise.

Der Lerner soll im Mittelpunkt stehen, nicht die Institution. Informelles, lebensbegleitendes Lernen wird wichtiger.

"Kompetenz ist die Währung des 21. Jahrhunderts"

Auch spannend: Berufsbegleitende (Weiter-)Bildung führt zu gleichem Ergebnis wie Vollzeit-Bildung (Studium), selbst wenn auf etwas geringerem Niveau begonnen wird. Verlierer sind die, die weder arbeiten, noch sich weiterbilden. Bei diesen sinkt das Kompetenzniveau sogar noch weiter ab.

Lernen als sozialer und gemeinschaftlicher (kollaborativer) Prozess.

Heute zählt es nicht mehr Generalist oder Spezialist zu sein, sondern die Fähigkeit, sich innerhalb von kurzer Zeit in ein Themengebiet einzuarbeiten und zu einem (temporären) Spezialisten zu werden.

... jetzt aber zu den Sessions, die ich selbst besucht habe.

Lernen im persönlichen Lernnetzwerk (Lisa Rosa)
Präsentation: http://prezi.com/pnrdx3_osaoc/lernen-lernen-lernen-mit-dem-pln/
Lernen wird immer mehr zu einer persönlichen Angelegenheit. Es geht darum, für sich selbst einen Sinn zu finden (Sinnbildungslernen) - die Inhalte und deren Bedeutung müssen selbst nach eigenen Maßstäben erarbeitet werden, es müssen eigene Lösungen gefunden werden.

Sowohl die Inhalte des Lernens (Faktenwissen wird weniger wichtig, da ständig abrufbar) als insbesondere die Art und Weise des Lernens müssen sich verändern.

Im Netz übliche Prinzipien bestimmen immer mehr die Kommunikation, soziale Beziehungen sowie Wissen und Lernen.
>> Mensch-Umwelt-Lernbeziehung
1. Interiorisieren (verinnerlichen)
> sammeln, verarbeiten, ausprobieren, spielen, personalisieren, selektieren, eigenen Sinn finden
2. Exteriorisieren (veröffentlichen)
> Vorläufigkeit akzeptieren
> Wissen ist kein Produkt mehr, sondern ein Prozess (ggf. mit Zwischenprodukten)
> Überlegungen nach außen tragen, nicht warten, bis es "fertig" ist
3. Dialog
> Konnektivismus (wurde in Session nicht so genannt - ist es aber)
> vernetzen, teilen, zusammenarbeiten
> Netzwerke bilden in die Tiefe (Gleiche) und in die Breite (Ungleiche)
>> so nicht im eigenen Saft der gegenseitigen Bestätigung schmoren
> Wissen, das nicht im Umlauf ist, ist schon vergessen

Andere Darstellung:
- WAS lernen (Inhalte)
- WIE lernen (Lernen lernen)
- WARUM (warum benötigt? Welcher Sinn?)

Warum die Digitale Revolution des Lernens gescheitert ist.
(Jöran Muuß-Merholz)
Sketchnote: https://alpha.app.net/ralfa/post/5449826/photo/1
Hier ging es darum, welche Erwartungen es (insbesondere im schulischen Umfeld) an die Digitalisierung des Unterrichts gegeben hat und was daraus geworden ist, wo es also noch Probleme gibt. Realität an den Schulen ist wohl noch eine große Veränderungsresistenz statt Integration von neuen Medien. Dies wird zum Teil mit Berührungsängsten der (oft älteren) Lehrer erklärt, die Sorgen haben, dass sich zeigen könnte, dass Schüler bessere Medienkompetenz als sie selbst haben.
Hier ist der Vortrag gut zusammengefasst auf der re:publica Seite:
http://re-publica.de/sessions/x-learning-warum-digitale-revolution-des-lernens-gescheitert-ist

Medienkompetenz auf dem Lehrplan
(Ute Pannen, Michel Schröder)
Auch Schulbezug. Es geht darum, Medienkompetenz im Unterricht zu vermitteln, zum Beispiel durch Medienmentoren, indem ältere Schüler jüngere Schüler zum Beispiel über die Benutzung von Facebook informieren.
Siehe: http://medienmentoren.de/wiki/Hauptseite

Medienverbot an Schule (Michel Schröder)
Bericht darüber, dass eine Schule die Nutzung von elektronischen Geräten auf dem gesamten Schulgelände (auch in Pausen und Freistunden) verboten hat (außer in einem kleinen Glaskasten, der im Verwaltungstrakt steht) und wie die Schüler dagegen online und offline protestiert haben. Sinn des Verbots soll es unter anderem sein, Cybermobbing zu verhindern und zu vermeiden, dass Schüler sich abkapseln und sich nicht mehr miteinander unterhalten. Ich denke, hier zeigt sich auch sehr deutlich das Kommunikations- und Verständnisproblem zwischen den Generationen (Schüler Michel Schröder schätzt das Durchschnittsalter des Kollegiums auf 45-50).
http://tss-sv.de/medienverbot/

Digitale Nachhilfe für Azubis und Meister
(Kevin Heidenreich)
Infos dazu, wie die IHK mit einen eCampus in der Aus- und Weiterbildung nutzt und Überlegungen dazu, dies weiter auszubauen - aber auch zu überlegen, wo virtuelles Lernen Sinn macht, und wo Präsenz der bessere Weg ist.

Nachwuchsförderung bei Microsoft (Dirk Primbs)
http://primbs.de/2013/05/08/reader-zu-meinem-talk-auf-der-republica/
Ein beispielhafter Überblick über Projekte von Microsoft, um dem Fachkräftemangel auf allen Altersstufen zu begegnen. (Im letzten Jahr waren 25.000 IT-Stellen offen)
- Kiga: Schlaumäuse (MS stellt Geräte und Software zur Verfügung, gerade für Kigas in sozialen Brennpunkten, wo sonst solche Medien kaum zum Einsatz kommen würden)
- internatuten.de (Schule)
- AntMe (programmierbare Ameisensimulation - ca. 7 Jahre bis Uni)
- Kodu (programmieren als Spiel)
- Unis erhalten Software von Microsoft, Studenten günstige Versionen
- StudentPartners (Studenten können sich einbringen)
- Imagine Cup (Projektgruppen)
- Microsoft BizSpartk (StartUp Förderung)

Online universities (Jörn Loviscach)
Hier ging es um MOOCs (xMOOCs). Loviscach hat viele heutige MOOCs mit Lern-Snacks verglichen, teilweise auch mit Junk-Food - also schnell was für zwischendurch mit zum Teil geringer Qualität, kleine Häppchen, oft Wiederverwendung (zum Teil alter) Materialien, Verzicht auf Quellenangaben, fehlende Betreuung, Massenproduktion.

Adventures in Learning (Jan Philipp Schmidt)
Video zum Vortrag: http://www.youtube.com/watch?v=KD_N0mJ7qx0
Wir brauchen bei Lernen Momente wie den, als wir gelernt haben, Rad zu fahren. Erlebnisse, die einen voran bringen und die zu positiven Entwicklungen führen, die man nicht mehr rückgängig machen kann. Ausprobieren, hin fallen, weiter probieren. Dann kann Lernen die Welt verändern - zunächst die eigene und ggf. auch die der Umwelt.
Lernprinzipien, die dazu führen können:
- Passion (beigeistert sein von dem, was man lernt)
- Make Stuff (selbst machen, ausprobieren)
- Play (damit ist nicht zwingend "Fun" gemeint, sondern die Erlaubnis, auszuprobieren und scheitern zu dürfen, ohne dass dies eine Niederlage ist
- Peer2Peer (untereinander, unabhängig von Hierarchien, z. B. Lehrer/Lehrende)
Diese Prinzipien versucht die P2P University des MIT Media Lab umzusetzen
http://learn.media.mit.edu/
Dabei wurde der Kurs mit minimalem Budget erstellt und folgt auch dem Konzept Big & Small (Großer Kurs, kleine Gruppen)

Das Manifest der #mmc13 MOOC Maker für mehr Offenheit in Online-Lernkontexten
(Dörte Giebel, Monika E. König, Heinz Wittenbrink)
Forderung nach
1. Ökonomischer Offenheit
2. Offenheit der Lernmaterialien
3. Offenheit der Plattform und Publikationsformate
Die Folien und das Skript dazu gibt es hier im MOOC Maker Blog.

Mein Fazit
Es zeigt sich durchgängig, dass Faktenlernen immer weniger wichtig wird bzw. nur dann von Bedeutung ist, wenn die Fakten für den momentan relevanten Kontext nötig sind. Viel wichtiger ist es aber, Kompetenzen zu erwerben, um schnell mit neuen Situationen und großen Mengen an Informationen umzugehen und Lernen immer mehr in den Austausch mit anderen zu bringen. Spannend wird es nun zu überlegen, wie sich die Fernlehre verändern muss, um dies zu berücksichtigen. Ich denke, dass die Voraussetzungen dazu mit der Lernform Fernunterricht hervorragend gegeben sind, wenn sich in der Methodik einiges ändert. Ich sehe da eine Verknüpfung zwischen Fernunterrichts-Prinzipien wie insbesondere der tutoriellen Betreuung und der didaktisch aufbereiteten Materialien und cMOOC-Konzepten wie der intensiven Vernetzung und der gemeinsamen Erarbeitung und Diskussion von Ergebnissen. Aber darauf werde ich sicherlich hier in diesem Blog oder an anderer Stelle noch ausführlicher eingehen.

Wie üblich der Hinweis, dass es mir hier nicht um eine sinngetreue oder gar vollständige Wiedergabe der Inhalte geht, sondern ich das notiert habe, was mir wichtig war, wie ich es verstanden oder auch für mich interpretiert habe.

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