Sonntag, 10. Mai 2015

Domian-Sendung zu Verzicht

Die Talksendung von Jürgen Domian gefällt mir sehr, auch wenn ich sie mir quasi nie live anschaue, sondern nur dann und wann mal eine Aufzeichnung bei YouTube. Vor einiger Zeit habe ich ihn live erlebt bei einer Lesung aus seinem Buch Richtig leben: ... und dann tu, was du willst* und muss sagen, dass er auch da sehr authentisch und sympathisch rüber kam - besonders interessant war die Talkrunde zwischen den beiden Lese-Blöcken, in der er sehr offen auf alle Fragen geantwortet hat, unter anderem auch dazu, dass er Ende nächsten Jahres mit Domian aufhören will, wie er gerade in der Woche vor der Lesung in Heinsberg bekannt gegeben hatte.

Jetzt am 30. April 2015 gab es eine Domian-Sendung zum Thema Verzicht, die ich mir nachträglich angeschaut habe:


Die erste Anruferin (50) verzichtet seit 25 Jahren auf Fleisch und lebt seit sieben Jahren komplett vegan, obwohl sie diesen Begriff nicht mag, da er mittlerweile fast schon zu einem Lifestyle-Begriff geworden sei (kann ich nachvollziehen). Sie brennt für das Thema und es fällt ihr nicht schwer, auf tierische Produkte zu verzichten.

Es folgt ein 20-jähriger Anrufer, der behauptet ehemaliges Mitglied einer amischen Gemeinde zu sein und sich letztlich als Fake outet.

Interessant ist der Anruf von Sarah, 36, denn sie ist Minimalistin (Start des Anrufs hier). Sie hat vor rund einem Jahr im Rahmen einer Renovierung zu Hause "ausgemistet" und sagt für sich selbst, dass sie jetzt den Minimalismus ausleben würde. Sie geht regelmäßig zu einem Minimalismus-Stammtisch, um sich neuen Input zu holen und hat das Ziel in fünf Jahren dort zu sein, wo sie gerne sein möchte. Sie möchte wenige, ausgewählte Möbelstücke haben, Lebensmittel aus wenigen, natürlichen Zutaten essen - am liebsten alles aus dem eigenen Garten. Und wenige, ausgewählte, hochwertige Kleidungsstücke. Verzicht auf einen Fernseher. Ihre Bücher hat sie komplett an ein Frauenhaus verschenkt. Sie sieht sich aber eher noch am Anfang, vieles davon sind noch Ziele. Und sie stellt fest, dass immer mehr Menschen über ihr Verhalten den Kopf schütteln und das nicht akzeptieren wollen. Sie hat auch zwei kleine Kinder und einen Ehemann, der da nicht mitmachen möchte und jetzt zum Beispiel nur noch alleine Lebensmittel einkaufen geht, damit auch alles da ist und mit dem es Konflikte gibt, zum Beispiel bei Neuanschaffungen oder beim TV-Konsum. Domian sympathisiert mit den Vorstellungen der Anruferin, sieht es aber auch als problematisch für das Familienleben an, wo es wohl nur mit Kompromissen gehen wird, wenn die Ansichten hier deutlich auseinander gehen. Ihr Schlusssatz ist, dass Minimalismus gleichzeitig auch Maximalismus ist - an Lebensqualität. Schade, ihr hätte ich gerne noch länger zugehört als zehn Minuten, aber Domian hat das Gespräch dann beendet.

Anne, 59, ist die nächste Anruferin und verzichtet auf Sex, weil sie damit ihre Ehe retten möchte. Sie verzichtet aber nicht freiwillig auf Sex, sondern weil es von Seiten ihres Mannes wohl aus psychischen Gründen nicht klappt. Und sie leidet darunter. Interessant ist, dass sie die gleiche Problematik auch schon mal mit einem anderen Mann hatte. Irgendwann stellt sich dann heraus, dass sie selbst als Kind misshandelt worden ist.

Danach kommt Marcel, 26, ist selbstständig im Versicherungsvertrieb tätig und hatten einen inneren Konflikt, weil er seinen Kunden zum Teil Produkte aufschwatzt, von denen er selbst nicht überzeugt ist, weil Mitbewerber eigentlich bessere Angebote haben. Diese moralischen Probleme sind für ihn so stark, dass er auf seinen Job und sein sehr gutes Einkommen verzichten möchte und statt dessen eine neue Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger beginnen möchte, da er ehrenamtlich bereits seit vielen Jahren im Rettungsdienst tätig ist und sich dabei besser fühlt. Domian imponiert die Entscheidung. Der Vater des Anrufers und auch einige andere Menschen aus seinem Umfeld können hingegen nicht verstehen, dass er seinen sicheren Job und guten Verdienst aufgeben will. Seine Bekannten stehen da eher hinter seiner Entscheidung.

Letzter Anrufer ist Philip, 19, der zwei Mal im Jahr für eine Woche auf das Internet verzichtet. Damit will er sich selbst beweisen, dass er auch ohne kann und stellt fest, dass er in dieser Zeit mehr Bücher liest und seinen Hobbys nachgeht, aber auch von seinen Freunden nicht erreicht wird, da diese ihn nur über das Internet, aber nicht per Telefon oder SMS kontaktieren und er dann nach der Woche über 100 Nachrichten hat.

Einige Beispiele für Verzicht fand ich interessant. Insgesamt hatte ich erwartet, dass es mehr Gespräche in der Art mit Sarah geben würde, die noch mehr in Richtung bewusstes Leben gehen.